75 Jahre Frieden

 

Am Freitag, dem 13.12.2019, begrüßte Herr Schäffer nach dem Musical Herrn Schäfer aus Oberwerrn.

 

In seiner Begrüßung nannte er den Grund, warum die Klasse 4b heute Besuch hatte. „Nächstes Jahr, also schon in drei Wochen“, so der Rektor, „sind 75 Jahre Frieden bei uns in Deutschland. Wer es nicht anders erlebt hat, weiß es wahrscheinlich nicht zu schätzen, dass Frieden unser höchstes Gut ist. Darum freue ich mich, dass sich heute Herr Schäfer Zeit für uns nimmt, um euch und mir als Zeitzeuge zu berichten, wie es früher war, als er so alt war wie ihr.“

 

Doch dann kündigte Herr Schäfer eine Rechenstunde an. Zuerst wunderten sich die Schüler der 4b und dachten, dass vielleicht auch mancher Erwachsene nicht richtig zuhören kann, doch bald wurde seine Intention klar: eine Zeitleiste.

1937 geboren, war Krieg, als er 1943 in die Schule kam. Der zweite Weltkrieg dauerte von 39 bis 45, also sechs Jahre. Seit dem Ende sind also 75 Jahre vergangen. Soweit die Rechenstunde.

 

Dass die Strafen in der Schule ganz anders waren, hatte wohl eher mit einer anderen Zeit und nichts mit dem Krieg zu tun, war aber trotzdem interessant, denn spätestens, als Herr Schäfer erzählte, dass auch er Strafarbeiten schreiben musste, hingen alle an seinen Lippen. „Einmal jedoch, war die Strafe ungerecht, denn ich habe freiwillig für einen Mitschüler hundert Mal geschrieben: „Ich darf in der Kirche nicht schwätzen“, dass ich mit seinem Fahrrad einmal um den Bahnhof fahren durfte. Mein Vater hat mich dabei erwischt und ich habe eine Ohrfeige gekriegt. Sechs auf den Hintern habe ich auch einmal bekommen, weil ich einem Mädchen, das vor mir saß, die Zöpfe ins Tintenfass getaucht habe.“

 

„Was bekommt ihr eigentlich zu Weihnachten?“, so die nächste Frage. Da waren viele Wünsche in der 4b! „Im Krieg habe ich nur ein paar Socken bekommen, die ich sowieso gebraucht habe. Aber einmal an Weihnachten wurde mein großer Traum erfüllt: Eine Ritterburg! So glücklich war ich noch nie. Doch nach einer Woche war sie weg. Mein Vater hat sie mir weggenommen, weil er sie sich nur ausgeliehen hatte. So arm waren damals die Leute“.

 

Er erzählte, dass es nach dem ersten Flakschuss keine ganze Fensterscheibe mehr gab, wenn man vergessen hatte die Fenster zu öffnen, dass es unzählige Bombentrichter in der Oberwerrner Flur gab,dass die Buben bei jedem abgeschossenen Flugzeug, bei jedem getroffenen Haus, bei jeder brennenden Scheune neugierige Zuschauer waren und dass sie Schokolade, Orangen und Bananen nur vom Hörensagen kannten. Die Kinder hingen an Herrn Schäfers Lippen, weil sie sich das alles nicht vorstellen konnten.

 

Auch sein Kommunionbild hatte er dabei. An ihren eigenen Kommuniontag und das tolle Fest konnten sich die Viertklässler noch gut erinnern. „Bei mir damals sind wir nur kurz aus dem Bombenkeller raus, schnell in die Kirche und nach der Segnung in den Bombenkeller zurück.“

 

Herr Schäfer erzählte, dass er während der 2. und 3. Klasse fast nicht in der Schule war, weil sie wegen der Bombenangriffe meistens ausgefallen ist. Am Allertraurigsten fanden alle Kinder, dass seine kleine Freundin bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen ist und er mitansehen musste, wie sie aus einem völlig zerbombten Haus ausgegraben und zusammen mit ihrer großen Schwester und sieben Erwachsenen tot im Vorgarten des Nachbarhauses lag. Für ihn war das das schrecklichste und grausamste Kriegserlebnis. So still war es in der Klasse 4b noch nie und eigentlich wollten die Schüler Herrn Schäfer auch nach fast zwei Stunden noch gar nicht gehen lassen und bedankten sich bei ihm für die Zeit, die er sich für sie genommen hatte.

 

Dass Frieden und Demokratie unser höchstes Gut ist, was Herr Schäffer, der Rektor der Schule, schon zu Beginn gesagt hatte, wussten jetzt alle.